Leseproben

Offizielle Leseproben aus den Büchern sowie inoffizielle Leseproben wie gelöschte Szenen oder Kurzgeschichten.


Silkaris Hoffnung – Prolog

Die plötzlich eintretende Stille weckte ein Gefühl in ihm, das der Lärm des Krieges niemals hätte wecken können: Angst. Er ging langsam, zog das rechte Bein unter Schmerzen nach und schleifte sein Schwert mit metallischem Summen hinter sich her. Das Atmen fiel ihm schwer und als sich Flüssigkeit in seinem Mund sammelte, schmeckte er Eisen. 
Ist das unser Ende? Das stolze Volk der Sadarkianer, ausgelöscht an einem einzigen Tag? 
Das prächtige Schloss war nur noch ein Schutthaufen, die Hauptstadt des Schlangenvolkes war in kürzester Zeit gefallen. Er war umgeben von Toten, nicht nur von Kriegern, sondern auch von Bediensteten, von Kaufleuten, von Edelmännern und ihren Damen in feinsten Gewändern. Hunderte leere Augenpaare schauten zu ihm auf, während er sich weiter vorankämpfte, bis zu den Stadttoren. Er sah die Fahne mit dem königlichen Wappen schon von weitem, zerrissen und verdreckt im Wind flattern.

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Seine Schwester lag unweit davon entfernt. Sie hatte die Augen halb geschlossen und den Arm nach dem Mann ausgestreckt, der ein Stück weiter auf dem Bauch lag und seinerseits den Arm nach ihr ausgestreckt hatte. Sie hatten sich nicht mehr erreicht.
Saban stieß einen verzweifelten Laut aus, als er vor den leblosen Körpern seiner Königin und seines Königs auf die Knie fiel. Sie waren umgeben von fähigen Kriegern, doch keinem war es gelungen, sie oder sich selbst zu retten. Dies war keine Schlacht gewesen, sondern ein Gemetzel. Er konnte nichts mehr für sie tun. Leise flüsterte er ein Gebet, während er die Augen seiner Schwester schloss, ihren schlanken Körper dann aufhob und zu ihrem Gemahl trug. Er legte sie nebeneinander, Hand in Hand, so dass sie beinahe aussahen, als schliefen sie friedlich. Die Krone des Königs platzierte er direkt daneben und kurz schien ihn das Verlangen zu überwältigen, sich ebenfalls dazu zu legen. Doch er rappelte sich auf und humpelte weiter, schlug sich durch die zerstörte Stadt, blickte in jede Gasse und sah in jede Ecke.
Seit vielen Jahren war Saban ein Krieger und er hatte sich immer für jemanden gehalten, der viel erdulden konnte. Der Tod war ihm nicht fremd. Doch der Anblick, der ihn jetzt erwartete, presste ihm die Luft aus den Lungen. 
Die Frau lag auf der Seite, die Peitsche, mit der sie gekämpft hatte, noch in der Hand. Ihr blondes Haar war blutverschmiert und bedeckte ihr Gesicht. Er konnte nicht sehen, ob sie noch atmete. Sie lag in einer Blutlache. Ihr Schlangenschwanz lag neben ihr, offensichtlich mit einem einzigen sauberen Schnitt abgetrennt. 
»Kay! Kay? Nicht du, Kay, nicht du!«
Er erkannte seine eigene Stimme nicht mehr, als er immer wieder auf sie einredete, während er neben ihr auf die Knie fiel, sein Schwert achtlos beiseite warf und sie in seine Arme zog. Sein eigener Schlangenschwanz umschlang fest ihren unteren Rücken, um die Blutung zu stillen. 
Ein leiser Hauch entwich ihren Lippen und es dauerte einen Moment, bis Saban realisierte, dass seine Frau atmete.
»Kay? Kayzope? Hörst du mich?«
Als sie nicht antwortete, sah er auf und betrachtete die Zerstörung um sich herum. Die Luft roch nach Rauch, Asche und Tod. Ihre Feinde waren wie Heuschrecken über sie hergefallen und sie hatten ihnen erschreckend wenig entgegenzusetzen gehabt. Das übrige Land musste bald genauso aussehen, wenn es nicht bereits so weit war.
Sein Blick fiel auf sein Schwert. Seine Familie war tot, seine Welt zerstört, seine Frau lag in seinen Armen im Sterben. Er drückte sie fest an sich und schloss die Augen. Vielleicht war es nur ein Traum? Der schlimmste Albtraum, den er jemals hatte? 
Ein Licht drang durch seine geschlossenen Lider und er blickte auf. Eine Säule aus Licht baute sich im Himmel über ihm auf, ein warmes, goldenes Licht, das langsam gen Boden sank. Die Säule wurde immer breiter und breiter und erhellte das gesamte Schlachtfeld. Sie erinnerte Saban vage an ein weit geöffnetes Tor.
Ist das möglich? 
Ein hohes melodisches Heulen, das ihm gleichzeitig furchterregend und wunderschön erschien, ertönte aus dem Licht. Dann sah er die riesigen Flügel, nur einen kurzen Moment, bevor das Tor in sich zusammenbrach und das Wesen davonflog. Er hatte es nicht deutlich gesehen, doch er wusste, was es war. Ein goldenes Tor. Ein goldener Drache. 
Phobos.
Der Anblick hatte Saban einen unerklärlichen Energieschub verpasst und er erhob sich, seine Frau immer noch fest in seinen Armen haltend. Humpelnd schleppte er sich wieder zum Stadtrand durch, versuchte zu sehen, was in der Ferne vor sich ging. Er hörte ein Knacken hinter sich und warf einen Blick über die Schulter. Ein junger sadarkianischer Krieger mit augenscheinlich gebrochenem Arm und einer blutenden Kopfwunde kämpfte sich aus den Überresten eines Hauses. Dann zog er ein Mädchen hinter sich aus dem Schutt. Als er den Oberkommandanten erkannte, starrte er ihn stumm an, doch auch Saban fand keine Worte.
In der Ferne waren noch immer die dunklen Wolken und schwarzen Blitze zu sehen, doch sie wurden von dem goldenen Drachen mehr und mehr verdrängt. 
Phobos, das Tor der Gegenwart. Es musste im letzten Moment entschieden haben, Sadark, die Welt des Schlangenvolkes, nicht seinem unausweichlichen Ende zu überlassen und persönlich einzugreifen.
Das melodische Heulen füllte seinen geschwächten Körper mit neuem Leben, dämpfte den Schmerz aus seinen Wunden. Die dunklen Wolken waren verschwunden und der Drache bewegte sich mit ausladenden Flügelschlägen elegant durch die Luft, als erneut das Tor aus goldenem Licht erschien. Doch dieses Mal tauchte noch eines daneben auf. Das zweite Tor war weniger eine Säule, mehr eine Art leuchtende Kugel mit einem Durchgang. Saban kannte es gut. Die Tore zwischen den Welten sahen so aus. Doch wohin würde dieses Tor ihn führen? Welche anderen Welten waren dem Angriff noch ausgesetzt gewesen? Insgesamt gab es acht Welten, bevölkert von acht unterschiedlichen Völkern. Zusammen nannte man ihre Bewohner die Wappet.
Die Sadarkianer waren ein Kriegervolk. Wenn sie den Feind nicht besiegen konnten, gab es wenige andere Völker, die eine Chance hätten. Die Xakyrer vielleicht, die telekinetische Fähigkeiten hatten, oder die feuerbeherrschenden Youjonas. Zweifellos unterlegen wären ihnen die Naturvölker des Wassers und des Waldes. Peero wäre vielleicht in der Lage gewesen, den Feinden standzuhalten, hätten seine Bewohner nicht erst vor einem Jahr eine geschichtsträchtige Niederlage gegen Sadark hinnehmen müssen. Die Peeroianer waren zweifellos noch immer geschwächt und ihr neuer König konnte unmöglich auf so einen Angriff vorbereitet gewesen sein.
Doch Saban blieb ohnehin keine Wahl. Er presste seine Frau an sich und humpelte auf das Tor zu, so schnell ihn seine verletzten Beine trugen. Aus den Augenwinkeln sah er einige Überlebende, die es ihm gleichtaten. Er spürte die Wärme des Lichtes, wurde kurz davon geblendet und nur wenige Schritte später stand er auf der anderen Seite – inmitten einer ständig wachsenden Menge aus Wappet. Immer mehr erschienen um ihn herum, etliche von ihnen schwer verwundet, viele weinten oder schrien die Namen ihrer Angehörigen, die sie nicht finden konnten. Er erkannte die unterschiedlichsten Völker und weitere Lichtkugeln in der Ferne, weitere Tore, die zwischen den Welten geöffnet wurden und die Überlebenden an diesem Ort zusammenbrachten.
Ein Aufschrei ging durch die Menge, als ein silberner Drache über ihre Köpfe hinwegflog. In der Ferne sah Saban bereits einen roten Drachen seine Kreise ziehen. 
Liguan und Hochun sind ebenfalls hier! Die drei Tore haben sich vereint, um uns zu retten.
Kayzopes Atem wurde flacher. Sie brauchten Hilfe, und zwar sofort. Rücksichtslos kämpfte er sich durch die Menge, folgte den Drachen, die drei Säulen aus Licht umkreisten, die auf einem kleinen Hügel erschienen waren. Als er den Hügel erreichte, sah er die Frauen. Es waren drei, mit weißen Gewändern, silbernem Haar und einer unübersehbaren Ähnlichkeit zueinander, die regungslos auf dem Hügel standen und die Überlebenden beobachteten. Bei jeder von ihnen konnte er ein Leuchten mitten auf der Brust erkennen. Saban wusste, was das bedeutete. Er war in der Lehre der Tore unterrichtet worden und kannte die Legenden über die Torträger. Seit Jahrzehnten hatte es keinen bestätigten Torträger mehr gegeben, zumindest hatte sich keiner offenbart. War es überhaupt möglich, dass alle drei aus demselben Volk stammten? Sogar aus derselben Familie, wenn er sich nicht irrte? Er konnte sich nicht erinnern, dass jemals ein ähnlicher Fall überliefert worden war. 
Die Frau, die in der Mitte stand, schien die Älteste zu sein. Sie hatte einen entschlossenen Ausdruck in den Augen, stand kerzengerade und strahlte eine wohltuende Zuversicht aus. Saban warf sich vor ihr auf die Knie. 
»Bitte«, flüsterte er. »Meine Frau. Sie ist schwanger.«
Sie starrte ihn mit leuchtend grünen Augen an und ging langsam vor ihm auf die Knie. Dabei legte sie eine Hand auf Kayzopes Stirn und lächelte.
»Sei unbesorgt«, sagte sie ruhig. »Ihr seid jetzt in Sicherheit. Ihr seid auf Silkari.«

Silkaris Hoffnung – Leseprobe aus Kapitel 1

[...]
Ein jeder, der den Silbernen Palast von außen sah, war sofort hingerissen und fasziniert von seiner Schönheit, seinen reich verzierten Mauern und Säulen, umrandet von einem märchenhaften Garten. Einst von den Silkari als Tempel für die drei Tore erbaut, war er nach dem Jahr null, dem Ende des Großen Krieges, um mehrere imposante Hallen und zwei prächtige Türme erweitert worden. Die Tempelstätten wurden etwas weiter abseits, hinter dem Schlossgarten, neu errichtet und nach der Schlacht vor vierzehn Jahren war noch eine Gedenkstätte hinzugekommen. Die Bewohner der Silbernen Stadt waren stolz auf das kunstvolle Bauwerk, das sowohl tagsüber als auch nachts einen leichten Schimmer auf die Dächer der Stadt warf. Das zauberhafte Gebäude war ein Symbol für den Neuanfang, für die Gnade der Tore und die Stärke der königlichen Familie.

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Nefertina war sich inzwischen sicher, jeden Gang, jede Stufe und jeden Stein in diesem Schloss zu kennen. Oft genug war sie durch diese Gänge spaziert, oft genug hatte sie an den Tempelstätten gebetet, zahlreiche Bücher über die Architektur und das Erbe der silkarischen Bauweise gelesen. Sie schlich eng an der Mauer entlang, duckte sich bei den Fenstern der Bedienstetenzimmer und erreichte schließlich den hinteren Teil des Schlossgartens, wo sie bereits erwartet wurde.
Lady Lily war die Tochter einer hochangesehenen Pflanzenmagierin am Hof. Trotzdem hatte Nefertina bis vor wenigen Wochen kaum ein Wort mit der schwarzhaarigen Velanerin gewechselt. Sie war daher äußerst überrascht gewesen, als Lily sie bei ihrem kürzlichen Besuch in der Stadt vor ihrer Kutsche abgefangen und ihrer Kindheitsfreundin vorgestellt hatte. Die kurze Unterhaltung hatte dazu geführt, dass die beiden Freundinnen sich wenige Tage später vor den Palasttoren aufgebaut hatten und glaubhaft versichern konnten, von der Prinzessin erwartet zu werden. Seitdem besuchten sie Nefertina fast täglich.
Mit überschlagenen Beinen saß Lily am Rand des großen Brunnens und zwirbelte eine ihrer breiten Locken um den Finger. Die Blumen im Beet neben ihr reagierten auf die bloße Anwesenheit der Velanerin mit erhobenen Köpfen und strahlenden Farben. Sie lachte über eine Bemerkung der etwa gleichaltrigen, aber etwas größeren Frau, die mit verschränkten Armen neben ihr stand und deren strenger Blick sich sofort aufhellte, als sie Nefertina erkannte. 
»Du hast es geschafft!«, sagte Garuda lächelnd zur Begrüßung. Sie sah ein wenig beeindruckt aus.
»Garuda hat dir das nicht zugetraut«, bestätigte Lily diesen Eindruck. »Aber ich wusste, dass du kommst.«
Ihre Freundin warf ihr dafür einen finsteren Blick zu. 
»Ich hatte nur befürchtet, die Palastwache könnte sie aufhalten.«
»Das könnten sie immer noch«, sagte Nefertina leise und warf einen nervösen Blick über die Schulter. 
»Du siehst müde aus«, stellte Garuda fest. »Hast du nicht gut geschlafen?«
Bevor Nefertina antworten konnte, hatte Lily sich erhoben und hakte sich an ihrem Arm ein. 
»Sicher hast du wieder bis spät in der Nacht in der Bibliothek gesessen, habe ich Recht? Müsstest du nicht langsam jedes einzelne Buch dort unten auswendig kennen?«
Nefertina schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Es gibt immer noch viele Schriften, die ich mir ansehen muss. Es ist meine Pflicht, über alle Völker Bescheid zu wissen, sie zu verstehen, ihre Traditionen, ihre Art zu leben …«
»Du könntest all das lernen, indem du dich mit den Wappet unterhältst. Die wenigsten sind auf Silkari geboren worden, es gibt mehr als genug Überlebende, die dir von den alten Welten berichten können«, bemerkte Garuda. 
»Es kann aber nicht schaden. Hätte die Schneiderstochter gewusst, wie aufbrausend die Youjonas sind, hätte sie sich vielleicht nicht mit dir angelegt und du hättest ihr neues Kleid nicht verbrannt.« Lily konnte das Kichern nicht unterdrücken. 
»Sie hat die Arbeiten ihrer Mutter ausgeliefert und dann mehr Silber dafür verlangt, als vereinbart war, um es sich selbst in die Taschen zu stecken! Sie hatte es nicht anders verdient!«, fauchte Garuda. »Außerdem hat sie mich an den Haaren gezogen!«
»Ein Jammer!« Mit bedauernder Miene wandte sich Lily an Nefertina. »Deswegen hat sie sie abgeschnitten, weißt du? Mit einem Messer auch noch! Garuda hatte wunderschönes rotbraunes Haar, länger als meines.«
Garuda fasste sich unbewusst in die schulterlangen Haare und verdrehte die Augen. »Es wächst nach. Und nun Schluss damit. Wollen wir hier stehen und plaudern, bis uns die Palastwache erwischt?«
»Verratet ihr mir, wo wir hingehen?«, fragte Nefertina neugierig. Ihre neuen – und im Grunde einzigen - Freundinnen hatten sich äußerst geheimnistuerisch verhalten, als sie die Pläne für den heutigen Tag geschmiedet hatten.
Auch jetzt schmunzelte Lily nur und ging dann entschlossen voraus.
[...]

Silkaris Hoffnung – Leseprobe aus Kapitel 9*

(*Enthält Spoiler für die erste Hälfte des Romans)
[...]
»Vielleicht gibt es doch einen anderen Weg.« Auch Gideon suchte nach einer Lösung. »Können wir uns nicht durchgraben? Bei dem Durchgang kann die Hecke nicht so stark verwurzelt sein, ein Aaron wie Tagaru sollte das schaffen.«
»Wir haben jahrelang nach einer Möglichkeit gesucht, glaubst du wirklich, ich wäre nicht auf diese Idee gekommen?«
»Damals wusstet ihr nichts von dem Durchgang.«
»Es geht trotzdem nicht!«
»Schrei ihn nicht so an, er versucht wenigstens zu helfen«, mischte sich Gazine ein.
»Damit ist er schon ein ganzes Stück hilfreicher als du!«
»Wieso kannst du nicht einfach zugeben, wenn es vorbei ist?«
Nun stritten sich Weregrey und Gazine. Gideon schluckte und trat einige Schritte zurück. Er betete für ein Wunder. Dafür, dass ihnen eine neue Lösung in den Schoß fiel. Am besten sofort.
Mit einem lauten Quietschen öffnete sich plötzlich die Haustür und Prinz Raidra stand im Türrahmen. Perres folgte ihm wie üblich auf dem Fuß.

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Weregreys Wut fand sofort ein neues Ziel.
»Du?! Du hast mir gerade noch gefehlt. Hör endlich auf, dich in meine Angelegenheiten einzumischen, du Köter!«
»Köter?« Raidra blieb angesichts der feindseligen Begrüßung überraschend ruhig und musterte Weregrey fast ein wenig gelangweilt. Dabei rieb er die behandschuhten Hände ineinander.
»Ich kann mich jetzt nicht mit dir befassen. Verschwinde aus unserem Haus!«
»Sehr gut, schrei ihn an. Das wirkt keineswegs verdächtig«, murmelte Tagaru.
»Du bist mir auch keine Hilfe!«, fauchte Weregrey ihm entgegen.
»Wenn du dich einen Augenblick lang beruhigen würdest, dann könnten wir …«
Raidra gab Perres ein Handzeichen und der Hund stieß ein ohrenbetäubendes Bellen aus, dass die Streitenden erschrocken verstummen ließ. Raidra nickte zufrieden und ergriff das Wort.
»Tatsächlich sieht es wohl so aus, meine Freunde, dass wir einander brauchen. Je schneller wir diesen Streit begraben und zur Tat schreiten, desto besser. Wir haben schließlich eine große Dummheit vor und ich kann es kaum erwarten.«
Die Gruppe starrte ihn an, Gideon und Tagaru verwirrt, Weregrey fassungslos und Gazine regelrecht mordlüstern. Raidra hätte gelacht, wenn die Lage nicht so schrecklich angespannt gewesen wäre.
»Was meinst du?«, fragte Tagaru und kniff misstrauisch die Augen zusammen.
»Euer Vorhaben. Ihr wollt durch die Hecke, ins Schloss, eine kleine Rebellion anzetteln. Habt ihr wirklich geglaubt, ich wüsste nichts davon? Zu eurem unverschämten Glück bin ich hier, um euch eine Lösung zu präsentieren. Die einzige, die ihr habt, wenn ich das Geschrei und Gezanke richtig interpretiere.«
Weregrey musterte ihn finster. »Was soll das? Du willst uns helfen? Nein, nein, so bist du nicht. Das ergibt keinen Sinn. Was hast du davon?«
»Sagen wir einfach, wir können uns gegenseitig helfen«, sagte Raidra und vollführte eine elegante Handbewegung.
»Willst du dich vor die Hecke stellen mit diesem arroganten Lächeln und verlangen, dass man uns durchlässt? Und dann werden sie den Durchgang öffnen und uns willkommen heißen?«
»Ob mir zum Lächeln zumute sein wird, bezweifle ich noch«, sagte Raidra, ohne eine Miene zu verziehen, »aber ja. Im Grunde wird genau das passieren.«
[...]

Sadarks Erbe – Leseprobe aus Kapitel 1

»Können wir hier heute Nacht Rast machen? Es wird bald dunkel«, murmelte Lily erschöpft. Die Velanerin mit den dunklen Locken zog sich den Umhang fester um die Schultern und gähnte zur Bekräftigung ihrer Worte.
Hinter der breiten, ebenen Wiesenlandschaft, durchzogen von einem Bach und prächtigen Bäumen an seinem Ufer, erhoben sich am Horizont einige kleine Berge, die die Sicht auf den Weg gen Norden versperrten. Wie schon viele Male zuvor ging einer von ihnen als Späher voran, während die anderen Schutz unter zwei gewaltigen Bäumen suchten, deren niedrigwachsende Äste sie zumindest teilweise vor Angreifern aus dem Norden verbergen würden. Diese Vorgehensweise hatte sich bewährt.
»Tagaru sollte gleich zurück sein«, sagte Garuda und sah ihre Freundin wenig verständnisvoll an.
»Ich weiß nicht, wie du das machst«, klagte Lily, die ihren Blick durchaus bemerkt hatte. »An deiner Stelle könnte ich keinen Schritt mehr tun.«
»Du solltest einfach nicht so wehleidig sein.«
Gideon, der sich neben ihnen im Gras niedergelassen hatte, mischte sich ein. »Lass sie, Garuda. Wir alle sind das Reisen nicht gewohnt. Dazu noch das ständige Wachsamsein, alle Sinne immer geschärft. Das macht und allen zu schaffen.«

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Sie waren schon lange unterwegs, stets auf der Hut, stets bereit, dem Feind, der hinter der nächsten Biegung lauern könnte, gegenüberzutreten. Doch sie blieben allein. Es kam nie zu einem Angriff oder einem Hinterhalt.
Lily wurde von Tag zu Tag weinerlicher, Garuda versteckte sich hinter einer Fassade aus Stolz und Gleichgültigkeit, mit der sie zunehmend Gazine Konkurrenz machte.
Gideons jüngere Drillingsschwester schien unerschöpfliche Energiereserven zu haben. Jeden Abend, wenn sie ihr Nachtlager aufschlugen, war es Gazine, die weitergehen wollte. Sie schickte ihren Adler Shiva regelmäßig voraus und immer wieder brachte der prächtige Vogel schlechte Nachrichten. Und Gazine wurde zunehmend schweigsamer. 
Auf einem Hügel stehend betrachtete Prinz Weregrey die Gruppe, doch eine Bemerkung von Raidra riss ihn von seinen Freunden los. Der peeroianische Prinz stand einige Schritte weiter und sah über die Schulter der silberhaarigen Frau, die vor ihm auf dem Boden saß.
»Wir können nicht mehr weit vom großen Fluss entfernt sein. In ein oder zwei Tagen sollten wir ihn erreichen.«
Ohne sich umzublicken, deutete Prinzessin Nefertina auf einen Punkt auf der Karte, die sie auf ihrem Schoß ausgebreitet hatte. »Ja, wir sollten uns ziemlich genau hier befinden. Wenn wir den Fluss überqueren, kommen wir in velanisches Siedlungsland.«
Weregrey trat ebenfalls hinter sie. Auf ihrem Weg hatte er sich einige Male die Haare gewaschen, so dass auch sein natürliches Silber wieder zum Vorschein kam. Jetzt war ihre Verwandtschaft unverkennbar.
»Wie viele Dörfer liegen noch dazwischen?«, fragte er.
»Laut der Karte keines, aber das bedeutet nur, dass es zum Zeitpunkt der Aufzeichnung noch nicht da war.«
Sie hatten feststellen müssen, dass die Karten allesamt veraltet waren. Von den letzten vier Dörfern, die sie auf ihrem Weg hierher passiert hatten, waren nur zwei darauf verzeichnet gewesen.
»Ab hier dehnt sich der Kontinent nach Ost und West aus. Es ist unwahrscheinlich, dass die Pegan einfach weiter gerade nach Norden marschieren«, überlegte Raidra laut.
»Wenn sie den Fluss passieren, müsste sie das bremsen«, sagte Weregrey. »Dann können wir sie endlich einholen.«
»Sie haben viele Jomedaner bei sich. Der Fluss ist groß, aber es wird trotzdem kein nennenswertes Hindernis für sie werden«, antwortete Nefertina.
»Sie werden den Fluss hier überqueren, noch vor der Gabelung«, sagte Raidra und deutete auf die Stelle auf der Karte. »Und dann nach Nordosten weiterziehen.«
»Wieso bist du da so sicher?«, fragte Weregrey.
»Weil ich es so machen würde. Velanisches Land ist fruchtbares Land. Sie haben eine Armee zu versorgen, Krieger müssen essen. Sie werden sich alles nehmen, was sie dort finden können und für uns nur Asche zurücklassen.«
»Eine klassisch peeroianische Kriegsstrategie.« Nefertina nickte.
»Deine Landsleute klingen immer so warmherzig und gütig«, murmelte Weregrey an Raidra gewandt.
Dieser zuckte mit den Schultern.
»Wenn sie nach Nordosten gehen, werden sie auf die peeroianische Siedlung treffen«, bemerkte Nefertina dann, als sie den Weg auf der Karte mit dem Finger nachzeichnete.
»Was genau das ist, was wir verhindern müssen«, sagte Weregrey. »Die Peeroianer sind mächtig, ein Kriegervolk. Wenn die Pegan ihre Armee mit einem Haufen peeroianischer Krieger verstärken, kann sie niemand mehr aufhalten.«
»Wir holen bereits auf. Und das Plündern der velanischen Siedlungen wird sie langsamer machen. Wir kriegen sie dort.« Raidra richtete sich auf und streckte sich stöhnend, nachdem er so lange über Nefertina gebeugt gewesen war. Diese rollte derweil die Karte ein.
»Die Velaner könnten uns womöglich helfen. Wenn wir sie rechtzeitig erreichen.«
Weregrey wusste, was sie dachte und was sie im Geiste ihren Überlegungen hinzufügte.
Wenn sie noch leben. Wenn irgendjemand überlebt hat, der uns helfen kann.
Weregrey streckte ihr die Hand entgegen.
»Wir kommen näher«, sagte er überzeugt. »Bald haben wir sie. Und dann werden wir das beenden.«
Sie nickte und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. Nefertina würde den ganzen Tag in die Schriftrollen und Bücher starren, wenn sie könnte. Dass sie dieses Zeug überhaupt mitgebracht hatte! Sein Gesichtsausdruck, als er statt warmer Kleider und Mäntel nur Bücher in ihrem Gepäck gefunden hatte, musste urkomisch gewesen sein. Sie beharrte darauf, dass in den Schriften die Antworten verborgen waren, wie sie ihre Feinde besiegen konnten.
»Tagaru wird dort hinten nichts finden und es wird zu spät, um die Berge heute noch zu überwinden«, sagte Raidra.
Sie waren es längst gewohnt, im Freien zu schlafen. Meist hatten sie sich trotz Alternativen dafür entschieden. Sie hatten viele Dörfer und Städte passiert auf ihrer Reise. Alle von den Pegan überfallen und zerstört. Niemand wollte im Bett von jemandem liegen, der entweder tot oder inzwischen Teil der feindlichen Armee geworden war. Eine stetig wachsende Armee, die immer neue vom schwarzen Gift infizierte Wappet aufnahm. Da die Bevölkerungsaufzeichnungen der Siedlungen sehr vage waren, ließ sich die Anzahl ihrer Feinde kaum schätzen. Wenn sie auch nur halb so viele Wappet mitgenommen wie getötet hatten, war die Armee inzwischen doppelt so groß wie bei dem Angriff auf Ajuno.
»Er kommt bereits zurück«, bemerkte Weregrey mit einem kurzen Blick gen Norden. »Gehen wir zu den anderen.«
Gerade als sie die Gruppe erreichten, trabte Tagaru auf seinem Hengst Bano heran. An seinem Gürtel funkelten die peeroianischen Sichelklingen im Licht der untergehenden Sonne. Weregrey war immer noch neidisch deswegen. Wieso hatte er nicht selbst daran gedacht, der toten Oberkommandantin die wertvolle Waffe abzunehmen? Tagaru hatte sie während der Reise stolz aus der Ledertasche am Sattel seines Hengstes gezogen.
An Banos Seite tapste Raidras Hund Perres, der die Späher stets begleitete. Seine empfindliche Nase hatte sie auf dem Weg hierher schon viele Male gewarnt. Der Tod stank, das wussten sie inzwischen alle.
»Wir rasten hier, nehme ich an?«, fragte Weregrey seinen Bruder zur Begrüßung, doch der schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, ich habe da etwas Angenehmeres gefunden. Dort hinten ist eine kleine Stadt. Und da brennen Feuer.«

Seite an Seite starrten die Reiter auf dem Rücken ihrer Pferde den Hügel hinunter. Die Stadt war etwa so groß wie Ajuno. Es dämmerte bereits und so waren zahlreiche kleine Feuer entzündet worden, die ein flackerndes Licht auf die Häuser warfen. Wenn der Wind still war, konnte man leise Geräusche hören. Klackern und Stimmen. Die Wappet bereiteten das Abendessen zu, kamen zusammen, unterhielten sich. So schien es jedenfalls.
Seit sie die Silberne Stadt verlassen hatten, hatten sie keine anderen lebenden Wappet mehr angetroffen. Die Situation dort unten wirkte so normal, dass es unheimlich war.
»Wir hatten angenommen, dass sie hier durchkommen, oder? Wir können sie doch nicht überholt haben?«, fragte Garuda in die Runde.
Weregrey schüttelte den Kopf. »Das hätten wir bemerkt.«
»Wir sind uns doch einig, dass da unten Wappet leben, oder?«, warf Tagaru ein. »Es sind sicher keine Pegan. Ich habe mir das genau angesehen. Es sind Kinder dabei, Familien.«
»Youjonas«, konkretisierte Garuda. Natürlich hatte sie die Banner an den Häusern als Erste erkannt.
»Das könnte eine Falle sein.« Draner stand direkt neben Priamos und Raidra suchte Weregreys Blick.
Weregrey hatte denselben Gedanken. Aber da waren noch andere. Sie alle waren erschöpft, er selbst wünschte sich nichts sehnlicher als ein Bett und eine warme Mahlzeit. Wie musste es erst den anderen gehen? Nefertina oder Lily, die solche Strapazen nicht im Entferntesten gewohnt waren?
»Es würde uns guttun, uns auszuruhen, uns zu stärken. Wir sind inzwischen alle in einem erbärmlichen Zustand, wer weiß, ob wir einen Kampf überhaupt überstehen würden«, antwortete er nachdenklich.
»Sprich nur für dich selbst, mein Freund.« Raidra wandte sich nach diesen Worten an Perres. »Wie ist dein Eindruck?«
»Von den Wappet dort unten geht keine Gefahr aus«, sagte der Hund. »Es ist alltägliches Treiben, ich konnte nicht einmal Wachen oder Späher entdecken.«
»Wenn diese Wappet keine Ahnung haben, dass die Armee der Pegan in der Nähe ist, sollten wir sie warnen«, sagte Gideon.
»Was meinst du?« Weregrey wandte sich an Nefertina. Ihr Bauchgefühl - oder war es ein Instinkt? - hatte sich oft als richtig erwiesen, wenn es um die Aktivitäten der Pegan ging.
Sie nickte ihm zu. »Wir sollten uns das genauer ansehen.«
[...]